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Onleihe - Bücher ausleihen mit DRM auf dem Tolino

Ich fasse hier mal ziemlich ernüchternde Erfahrungen zusammen, die man macht, wenn man sich ein Buch online ausleiht und auf seinen Tolino laden möchte ... Stellen Sie sich vor, Sie gehen in eine Bücherei, suchen sich ein Medium aus. Gehen an den Schalter und möchten es ausleihen und in der Bücherei sagt man Ihnen: "Das ist schön und gut, dass Sie dieses Buch ausleihen. Aber bevor sie es ausleihen, teile ich Ihnen noch die Regeln mit:

  1. Sie dürfen dieses Bild kostenlos 3 Wochen lesen

  2. Das Buch ist nicht verlängerbar, unabhängig davon, wieviel Seiten das Buch hat.

  3. Um dieses Buch zu lesen, müssen Sie folgende Brille aufsetzen.

  4. Nach Ablauf der Leihfrist wird die Brille zerstört und das Buch löst sich in Flammen auf.

  5. Wie Sie diese Brille benutzen? Das kann ich Ihnen leider nicht genau erklären, das funktioniert nämlich über einen unserer Partner - aber der hat eine sehr gute Anleitung.

  6. Das machen wir übrigens: weil der Rechteinhaber Ihnen nicht vertraut und Sie das Buch kopieren könnten oder länger lesen. Wenn Sie das Buch aber unten im Laden kaufen, ist alles gut, dieses geben wir Ihnen ohne jedwede Restriktion mit ...

Ist ziemlich irre, oder?

Ich stimme Ihnen zu. Aber ungefähr so fühlt es sich an, wenn Sie derzeit ein Buch online ausleihen. Onleihe.net ist dabei der Anbieter, der von unserer Stadtbücherei unterstützt wird.

Ich bin vor einigen Monaten von meinem Kindle zu einem Tolino 4 Vision HD umgestiegen. Ausschlaggebend war für mich vor allem der Umstand, dass der Tolino freie Formate unterstützt, wasserdicht ist - und ich vor hatte, auch den lokalen Buchhandel zu unterstützen. Ausserdem kann man mit dem Tolino - bei vielen örtlichen Büchereien Bücher ausleihen.

Als ich in der Bücherei war, und fragte, wie das online funktionieren würde, hat man mich verlegen angelächelt und auf die Dokumentation online verwiesen. Ich gebe zu: Probiert mal das erste Mal das Buch auf den Tolino zu kriegen: also intuitiv ist anders! Und bringt Zeit mit. Gut- Anfangsschwierigkeiten gibt es immer, wie sieht es denn aus, wenn das Buch dann auf dem Gerät ist, läuft denn dann alles einwandfrei?

Der Haken dabei: die Bücher, die man leihen kann, stehen unter bestimmten Lizenzen. Und um die Lizenzen technisch umzusetzen (Leihfrist, copyright etc.) bedienen sich die Anbieter sogenannten DRM (Digital Right Management). Sprich: man benötigt einen unterstützten Reader / oder ein entsprechendes App. Dort muss man sich mit einem speziellen Code das Werk aktivieren, anschliessend kann man es lesen. Die Cruz: Da diese Bücher verschlüsselt sind, wird die Verschlüsslung erstmal entschlüsselt, was das ganze Leseerlebnis erstmal in "Zeitlupe" versetzt. Da kann man z.B. schonmal beim Wechsel eines Kapitels bis zu 45 Sekunden warten. Aber auch das Umblättern einer einzelnen Seite ist deutlich verzögert, wenn es auch nur ca 1 Sek. dauert - merkt man den zeitlichen Unterschied im Vergleich zu gekauften Büchern spürbar. Als ich das erstemal dies getestet habe, dachte ich, mein E-Reader wäre kaputt. Aber mit gekauften Bücher funktioniert alles tadellos....

Man hat dann 21 Tage Zeit das Buch zu lesen. Unabhängig, wie dick das Buch ist. Hm: Powerleser - oder arbeitslos heisst es da wohl beim Erfinder!

Positiv lässt sich hierzu jedoch anmerken: sofern das Buch nicht von jemanden anderes vorgemerkt wurde, kann man es ein zweites Mal ausleihen. Das macht es also nicht ganz so dramatisch.

Insgesamt ist das gesamte Benutzererlebnis von der Ausleihe bis zum Lesen nicht sehr komfortabel. Eigentlich hat man als Leser das Gefühl, als wolle (oder könne) der Anbieter nicht.

Die Ironie an dieser Geschichte ist auch: Gekaufte e-books stellen streng genommen auch nur Lizenzen dar. Aber offensichtlich vertraut man dem Kunden beim gekauften E-Book mehr - kaufe ich nämlich diese Bücher z.B. bei osiander.de, so werden diese drm-frei geliefert: Genauso muss das sein. Jetzt habe ich die Möglichkeit, das Buch wirklich auf dem Endgerät meiner Wahl zu lesen. Letzteres ist nämlich auch so ne Sache: möchte man geliehene Bücher z.B. mit calibre unter Linux lesen, so geht dies nicht.

Also für mich heisst das: online Leihen macht noch keinen Spass. Das Prozedere bis man das Buch auf dem Tolino hat, ist kompliziert und hinderlich für das Ziel, Bücher jedem zugänglich zu machen.

Schade ist auch, dass man eine (properitäre ID) adobeID benötigt. Die Ausleihzeiten sind zu kurz bemessen.

Positiv möchte ich jedoch zum Schluss anmerken: toll ist, dass es überhaupt möglich ist, Bücher auszuleihen, und darüber hinaus auch andere Medien wie Hörbücher. Vielleicht sollte sich die Rechteinhabe mal überlegen, ob es wirklich so schlimm ist, wenn Bibliotheken die Werke DRM frei anbieten würden. Beim Verkauf geht das ja auch. Ein bisschen mehr Vertrauen in den Kunden wäre schon gut. Raubkopierer kriegen es auch auf andere Wege hin.

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